Zur Schwärzung von Passagen in Romy-Schneider-Roman

Oberlandesgericht Frankfurt_am_Main

Urteil v. 15.10.2009 - Az.: 16 U 39/09

Leitsatz

Die Passagen im Romy-Schneider-Roman "Ende einer Nacht" zum Verhältnis der Mutter Romy Schneiders zu führenden Personen des Nationalsozialismus sind weitestgehend von der Kunstfreiheit gedeckt und müssen nicht geschwärzt werden.

Sachverhalt

Der Ehemann der verstorbenen Mutter Romy Schneiders, Magda Schneider, ging gegen folgende Passagen aus dem Buch "Ende einer Nacht", welches die letzten Lebensstunden Romy Schneiders als Roman darstellt, vor:

"Das Mammerli war ein Nazischatz!" "Aufgebrezelt wie ein Backfisch war Mama von der Teestunde auf dem Obersalzberg nach Hause gekommen. Aufgegeilt, würde man heute vielleicht sagen. Und sie hat berichtet, wie der Wolf sie am Arm berührt hat - so nannte sie den Hitler zärtlich, genau wie später meinen Bruder und Vater." "Die Alte glaubt immer noch an den Führer, und tief drinnen tut es ihr höchstens leid, dass es nicht geklappt hat mit dem schönen Reich." "Als die Amerikaner 1945 nach Berchtesgaden kamen, haben sie Ás Nazischrein einen Meter tief im Garten vergraben, die vielen schönen blutroten Fahnen, die A gewidmete Ausgabe von Y, die Bilder von sich und dem Mann vom Berg, die neben dem Herrgottswinkel standen." "Für A und viele andere ist Hitler gar nicht tot." "Aber Kind, der Führer hat doch von alldem nichts gewusst !" "Der Hitler war auch bloß ein Mensch, wie du und ich, vergiss das nicht."

Er sah hierin eine Verletzung des postmortalen Persönlichkeitsrechts Magda Schneiders, während sich Verleger und Autor auf die Kunstfreiheit beriefen.

Entscheidungsgründe

Nach Ansicht des Gerichts war lediglich der Satz "Als die Amerikaner 1945…" zu schwärzen. Sämtliche anderen Passagen seien von der Kunstfreiheit gedeckt.

Der Roman sei als Kunstwerk zu betrachten. Zwar habe er den Anspruch einer biografischen Darstellung der letzten Stunden im Leben Romy Schneiders und spiele auf reale Personen, u.a. die Mutter Magda Schneider, an. Dennoch sei die konkrete Erzählung darüber, wie Romy Schneider in diesen Stunden über ihr Leben sinniert, als Roman mit Fiktionsgehalt zu qualifizieren. Das Werk stelle sich als "Docufiction" dar.

Der Leser nehme an, dass die Personen biografisch korrekt präsentiert seien. Jedoch gelte dies nicht für das Bild, das Romy Schneider im Roman in Bezug auf ihre Mutter im Sinn habe. Sämtliche Gedanken und Äußerungen der Tochter über die Mutter in den letzten Stunden ihres Lebens seien als fiktiv erkennbar und damit von der Kunstfreiheit soweit gedeckt, wie es tatsächliche Anhaltspunkte im Leben der Magda Schneider gebe. Jedoch seien diverse Anknüpfungspunkte für die vom Autor gewählte künstlerische Verarbeitung des Verhältnisses zwischen Romy Schneider und ihrer Mutter vorhanden. So sei es Fakt, dass Magda Schneider ihre größten Erfolge in der Zeit des Nationalsozialismus feierte, bei Goebbels zum Abendessen eingeladen worden sei und in unmittelbarer Nähe zu Adolf Hitler wohnte.

Zulässig seien daher alle fiktiven Aussagen, die Romy Schneider im Roman über ihre Mutter bzw. der Mutter im Gespräch mit Romy Schneider in den Mund gelegt worden seien.

Anders sei dies nur für die Aussage "Als die Amerikaner 1945…" zu beurteilen, weil diese wirklichkeitsgetreu eine Situation wiedergebe, die vom Leser als faktisch und nicht fiktiv aufgenommen werde. Durch die Bezeichnung "Schrein" werde der Eindruck erweckt, die Gegenstände seien für Magda Schneider etwas "Heiliges" oder "Göttliches". Da Magda Schneider die genannten Gegenstände unstreitig tatsächlich nicht besessen habe, liege in dieser Äußerung eine schwere Beeinträchtigung ihres postmortalen Persönlichkeitsrechts.