Virtuelles Hausrecht bei Online-Spielen

Amtsgericht Regensburg

Urteil v. 27.04.2006 - Az.: 9 C 3693/05

Leitsatz

1. Der Betreiber eines kostenlosen Online-Spiels ist Inhaber des virtuellen Hausrecht und kann Spieler bei Vorliegen von sachlichen Gründen daher von der Teilnahme ausschließen.

2. Ein solcher sachlicher Grund ist u.a. dann gegeben, wenn der Spieler entgegen den Allgemeinen Geschäftsbedingungen die Zugangsdaten zu seinem Online-Account an Dritte weitergibt.

Tenor

In dem Rechtsstreit (…) gegen (…) wegen Forderung erlässt das Amtsgericht Regensburg am 27. April 2006 durch Richterin (…) auf Grund der mündlichen Verhandlung vom 06. April 2006 folgendes Endurteil:

1.) Die Klage wird abgewiesen.

2.) Die Kosten des Rechtsstreits trägt die Klägerin.

3.) Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar. Die Klägerin kann die Vollstreckung durch die Beklagte durch Sicherheitsleistung in Höhe von 110 % des jeweils zu vollstreckenden Betrages abwenden, wenn nicht die Beklagte vor der Vollstreckung Sicherheit in gleicher Höhe leistet.

Sachverhalt

Die Beklagte betreibt im Internet das Computerspiel "Tibia", das ausschließlich online und von tausenden Spielern gleichzeitig gespielt werden kann. Die Teilnahme am Spiel ist für jedermann kostenfrei möglich.

Es besteht daneben die Möglichkeit, gegen Zahlung einer Nutzungsgebühr von 19,95 € im Quartal, einen sog. "Premium-Account" zu erwerben, mit dem dem Spieler erweiterte Spielmöglichkeiten, wie die Verwendung verschiedener Grafiken für die eigene Spielfigur, zur Verfügung stehen.

Auf der Website der Beklagten sind die jeweils gültigen Spielregeln für alle Mitspieler zu ersehen. Diese beinhalten als sog. "destructive behaviour" unter Punkt 2 c) insbesondere "(...) offering Tibia items for real money". Hinsichtlich der weiteren Einzelheiten wird auf den Inhalt der Anlage B 3 Bezug genommen.

Die Klägerin erwarb den Account (…) mit dem Spielernamen (…) und war bis

März 2005 passionierte Spielerin.

Die Beklagte sperrte am 1.3.2005 den Account (…) der Klägerin und begründete dies damit, dass die Klägerin durch Weitergabe ihrer Zugangsdaten die Spielregeln verletzt habe. Ferner veranlasste die Beklagte für den Account der Klägerin auch für andere Spieler einsehbare Negativeintragungen in Form von "criminal records" und "final warnings".

Die Klägerin verlangte von der Beklagten die Freischaltung ihres Accounts; die Beklagte ist dem nicht nachgekommen.

Die Klägerin behauptet, sie habe Zugangsdaten nicht weitergegeben. Ferner behauptet die Klägerin, sie hätte ihre Spielfigur sowie die im Spiel gesammelten Gegenstände für 800,- € an Interessierte weiterverkaufen können.

Die Klägerin beantragt daher zu erkennen:

Die Beklagte wird verurteilt, der Klägerin uneingeschränkten Zugang zum Mehrspieler Online Rollenspiel World of Tibia zu gewähren, den dauerhaft gesperrten Account mit der Nummer (…) in seiner vollen Funktionsfähigkeit, wie sie vor der Löschung bzw. Verbannung gegeben war, wiederherzustellen sowie die "criminal records" und "final warnings" sämtlichst aus den Protokollen zu löschen.

Hilfsweise beantragt die Klägerin zu erkennen:

Die Beklagte wird verurteilt, an die Klägerin 800,- € nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit Rechtshängigkeit zu bezahlen.

Die Beklagte beantragt Klageabweisung.

Die Beklagte behauptet, die Klägerin habe das Passwort für ihren Account an Dritte weitergegeben, so dass diese über den Account der Klägerin spielen konnten und dadurch gegen Ziffer 3 g) der Spielregeln verstoßen. So seien am 6.2.2005 die Klägerin oder ein Dritter über eine IP-Adresse in Schweden bis 14.22 Uhr und ab 14.23 Uhr die Klägerin oder ein Dritter über eine IP-Adresse in Deutschland am Spieleserver der Beklagten angemeldet gewesen und hätten mit der Figur (…) gespielt.

Am 8.2.2005 sei eine Nutzung des Accounts um 22.14 Uhr über eine schwedische IP-Adresse und ab 23.05 Uhr über eine deutsche IP-Adresse erfolgt. Ebenso sei der klägerische Account am 10.2.2005 im gleichen Zeitraum von Schweden und Deutschland aus genutzt worden. Die Klägerin habe mit Email vom 1.3.2005 (Anlage B 14) gegenüber der Beklagten die Weitergabe ihrer Zugangsdaten auch eingeräumt und die Verbannung akzeptiert. Die Beklagte sei durch massive Beschwerden anderer Spieler auf die Klägerin aufmerksam geworden.

Hinsichtlich der weiteren Einzelheiten wird auf die gewechselten Schriftsätze der Parteien nebst Anlagen sowie das Protokoll der mündlichen Verhandlung vom 06.04.2006 Bezug genommen.

Entscheidungsgründe

Die zulässige Klage hat in der Sache keinen Erfolg:

1.)

Die Beklagte ist nicht verpflichtet, der Klägerin uneingeschränkten Zugang zum Spiel Tibia zu gewähren, den gesperrten Account der Klägerin mit der Nummer wiederherzustellen sowie die "criminal records" und "final warnings" aus den Protokollen zu löschen.

Die Beklagte ist nämlich grundsätzlich jederzeit berechtigt, der Klägerin den Zugang zu dem von ihr betriebenen Spiel zu verweigern und den Account der Klägerin zu sperren. Es handelt sich bei "Tibia" um ein von der Beklagten im Internet betriebenes Spiel. Hier hat die Beklagte deshalb grundsätzlich vergleichbar dem Hausrecht ein nicht überprüfbares Recht, zu entscheiden, wer mitspielen darf oder nicht. Entgegen der Auffassung der Klägerin erwirbt diese mit einem "Premium-Account" gerade nicht einen Anspruch auf Teilnahme am Spiel als solchem, da diese als solche ja gerade kostenfrei bleibt, sondern nur die Möglichkeit, im Spiel anders zu agieren, etwa besondere Grafiken zu verwenden. Daher begründet der Erwerb eines Premium-Accounts gerade kein Recht zur Teilnahme am Spiel, sondern erweitert nur die Möglichkeiten im Rahmen der kostenlosen Teilnahme am Spiel. Im übrigen hat die Klägerin die "Verbannung der Spielfigur (…)" gegenüber der Beklagten auch mit Email vom 1.3.2005 (Anlage B14) auch akzeptiert.

2.)

Die Klage war auch hinsichtlich des geltend gemachten Hilfsantrags abzuweisen, da selbst wenn unterstellt würde, dass die Spielfigur der Klägerin auf dem freien Markt zu 800,- € veräußert werden könnte, keine rechtlich geschützte Vermögensposition vorliegt:

Den Spielregeln und hier insbesondere 2c) ist eindeutig zu entnehmen, dass Tibia-Gegenstände nicht für echtes Geld angeboten werden dürfen. Dies ist letztlich auch Ausdruck dafür, dass es sich bei "Tibia" um ein Spiel und nicht um eine Erwerbsmöglichkeit handelt. Diesbezüglich ist auch klarzustellen, dass auch die "tibia rules" keine Allgemeinen Geschäftsbedingungen sondern Spielregeln darstellen. Dies folgt bereits daraus, dass die Teilnahme am Spiel grundsätzlich jedermann kostenlos möglich ist, so dass vor dem Hintergrund des "virtuellen Hausrechts" der Beklagten kein Bedarf für Allgemeine Geschäftsbedingungen im Rechtssinn besteht, selbstverständlich aber für Spielregeln.

Der Hilfsantrag wird unmissverständlich mit dem "Wert" der Spielfigur begründet (Seite 7, 8 der Klageschrift). Dies stellt einen anderen Streitgegenstand dar als der im Schriftsatz vom 15.3.2006 auch angesprochene "frustrierte" Aufwand für die Zahlung der Nutzungsgebühr des Premium-Accounts, der nicht genutzt werden konnte. Diesbezüglich wurde kein wirksamer Antrag gestellt, sondern der Hilfsantrag ausdrücklich und ausschließlich auf den Wert der Spielfigur (…) gestützt.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 91 ZPO.

Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit beruht auf §§ 708 Nr. 11, 709, 711 ZPO.